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04.03.2019

Verschlafen Ärzte die Digitalisierung?

Der Digitalisierungsreport der DAK Gesundheit offenbart, dass die Ärzteschaft manche Lösungen noch nicht ausreichend annimmt – auch, weil ihnen bisher rechtliche Sicherheit fehlt. Konkurrenz kommt von außen und in Form zahlloser Apps. Die Kassenärztlichen Vereinigungen versuchen ihr Terrain abzusichern.


Wenn Krankenkassen und Verbände Studien zur Digitalisierung vorlegen, dann wird bei der Vorstellung der Ergebnisse meistens eine Aufbruchstimmung erzeugt. Digital ist hip, digital muss kommen, digital wird kommen. Werden die Zahlen dann genauer betrachtet, trübt sich das Bild doch recht schnell. So auch beim neuen Digitalisierungsreport 2019 der DAK Gesundheit. Und das obwohl das Jahr 2018 mit dem gelockerten Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung und einigen Angeboten für Gesundheitsakten seitens der Krankenkassen ein Katalysator hätte sein können. Zugegeben, elektronische Gesundheitsakten nehmen gerade erst Anlauf. Einige der von Kassen bezahlten Angebote wurden zwischen Sommer und Spätherbst gestartet oder vorgestellt.

 

Auch wenn es hier und da anders beworben wird, die Nutzer elektronischer Gesundheitsakten sind in der Gesetzlichen Krankenversicherung noch deutlich in der Minderheit. Und das zeigt sich in den Antworten der 2313 befragten Ärzte, die unter anderem den Studienpartnern Spitzenverband der Fachärzte in Deutschland, Hartmannbund, Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und dem Berufsverband Deutscher Internisten angehören: Von elektronischen Gesundheitsakten (eGA) wollen 2018 nur 52 Prozent der Ärzte etwas gehört haben. 2019 sind es schon 74 Prozent. Diese Zunahme wäre beeindruckend, wenn mehr als nur neun Prozent der Ärzte bisher auch konkret mit den eGAs zu tun gehabt hätten. Eine weitere Zahl, die wohl kaum positiv gedeutet werden darf: 52 Prozent der Ärzte meinen, dass es ihre Anamnese-/Befundarbeit erleichtern würde, wenn Patienten ihnen die Daten der anderen behandelnden Ärzte vor dem Termin zur Verfügung stellen würden. Auch nur die Hälfte der Befragten glaubt, dass der bessere Informationsstand die Qualität der Behandlung steigern wird. Es fehlt also entweder an Arztzeit, sodass eine Vorbereitung auf das Arzt-Patienten-Gespräch nicht möglich ist, oder ein Großteil der Ärzte möchte sich vorab nicht mit den Daten beschäftigen, weil sie rechtlich nicht abgesichert sind. Denn rechtlich dürfe sich ein Arzt nicht darauf verlassen, dass der Patient, der schließlich über die Datenfreigabe entscheidet, dem Arzt eine komplette Fallakte zur Verfügung stellt, so Dr. Thomas Kriedel, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Ärzte bräuchten haftungsrechtliche Sicherheiten und Klarheit darüber, ob eine Akte komplett oder unvollständig sei.

 

Videosprechstunden, eines der großen digitalen Gesundheitsthemen seit dem Ärztetag im Mai 2018, kennen inzwischen 87 Prozent. Einen realen Arbeitskontakt damit haben dennoch nur neun Prozent der befragten Ärzte angegeben. Zudem gaben nur drei Prozent an, dass sie ein solches Angebot planen oder bereits umsetzen. Wenn auch künftig nur zwölf Prozent der Ärzte mitmachen würden, dann könnte mit Videosprechstunden weder in relevantem Maßstab Arztzeit eingespart noch die Behandlung des ländlichen Raumes gesichert werden.

 

Doch die Ärzte sprachen sich auch deutlich für digitale Systemergänzungen aus: 71 Prozent der Befragten befürworten einen digitalen Check von Wechselwirkungen zwischen Medikamenten mithilfe einer eGA und auch die zentrale Patientensteuerung in die passenden Versorgungsebenen begrüßen immerhin 62 Prozent der Ärzte. Den Ärzten also eine digitalisierungsfeindliche Haltung zuzuschreiben, wäre falsch, gar kontraproduktiv. Das hat auch DAK-Chef Andreas Storm betont: „Der Nutzen von digitalen Anwendungen für Patienten und Ärzte muss im Mittelpunkt stehen. Digitalisierung kann man nur gemeinsam angehen – mit der Ärzteschaft und mit den Patienten.“ Er forderte, wie im Vorjahr übrigens auch, eine „ganzheitliche Digital Health-Strategie mit klaren Vorgaben und jährlichen Erfolgsnachweisen in Berichtsform“.

 

Wenn die KBV dann noch die medizinischen Informationsobjekte weitgehend definiert und die Standards für Gesundheitsakten den gängigen internationalen Wegen nachgeahmt wurden, dann hat das deutsche Gesundheitssystem vielleicht wirklich einen Katalysator, der Ärzte dazu bewegt, die digitalen Möglichkeiten anzunehmen. Gegenargumente lassen sich dann jedenfalls deutlich schwerer formulieren.

 

Startups und bereits etablierte Anwender sehen in der Fernbehandlung einen großen und lukrativen Markt. Telemedizin wird die Zukunft der ärztlichen Versorgung entscheidend mitgestalten. David Meinertz, CEO der größten Online-Arztpraxis Europas Zava (bisher DrEd), schätzt, dass in fünf Jahren ein Drittel aller Arztbesuche aus der Ferne stattfinden werden. Das Wachstum seiner digitalen Arztpraxis stützt seine Prognose: Allein im Jahr 2018 hat sein Team aus Allgemeinärzten, Internisten, Gynäkologen und Neurologen europaweit 1 Million Beratungen und Behandlungen aus der Ferne durchgeführt - das ist im Durchschnitt eine Online-Beratung alle 30 Sekunden. Tendenz stark steigend. Das Behandlungsmodell der Online-Arztpraxis Zava funktioniert zeitversetzt und über einen ärztlichen Online-Fragebogen.

„Unsere ärztlichen Leistungen werden immer stärker nachgefragt. Im letzten Jahr haben wir unser Team von 80 auf 160 Mitarbeiter verdoppelt", berichtet Meinertz. „In diesem Jahr werden wir einen Standort in Deutschland eröffnen, um uns noch stärker mit dem deutschen Gesundheitssystem zu vernetzen und unsere langjährige Expertise in der Telemedizin einzubringen."

Die Digitalisierung im Gesundheitssystem wird zunehmen, an den Ausbau von Video-Sprechstunden denkt Meinertz zunächst aber nicht. „Die Video-Sprechstunde alleine funktioniert nicht. Auch wenn sie Patienten Fahrt- und Wartezeit spart, liefert sie keine Effizienz für das Gesundheitssystem", erklärt Meinertz. „Die 'analoge' Situation aus dem Sprechzimmer über Smartphone oder Laptop nachzustellen, bedeutet keine Entlastung des Gesundheitssystems."

 

Der Telemedizin-Pionier weiß aus Erfahrung, dass Patienten beim digitalen Austausch mit dem Arzt lieber auf Videoübertragung verzichten. Dies zeigen auch die jüngsten Zahlen des Bewertungsausschusses der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Im letzten Quartal 2017 haben bundesweit 68 Versicherte telemedizinische Beratung in Anspruch genommen. Eine verschwindend geringe Anzahl, vergleicht man diese mit dem Volumen der Beratungen und Behandlungen von Zava. Der digitale Arztbesuch heißt für Meinertz weit mehr als Ton und Bild via Internet zu übertragen: „Beim Online-Banking möchte man ja auch nicht per Video mit einem Bankangestellten sprechen. Genauso ist es bei der Gesundheitsversorgung. Was die Patienten suchen, sind digitale Behandlungsangebote, die ihren Ansprüchen und Alltagsgewohnheiten gerecht werden. Sie wollen medizinischen Rat zu jeder Zeit, von jedem Ort."

Das Behandlungsmodell der Online-Arztpraxis Zava bietet Patienten und Ärzten einen bequemen Weg, sich sicher und bequem auszutauschen. „Nicht der Arzt steht im Vordergrund, sondern der Dialog zwischen Arzt und Patient, ein vertrauensvoller Austausch auf Augenhöhe. Zava spiegelt die nächste Generation der digitalen Gesundheitsversorgung wider", betont David Meinertz. Der überwiegend schriftliche Arzt-Patienten-Kontakt hat weitere Vorteile: Die Behandlungshinweise des Arztes können jederzeit nachgelesen werden, die gesamte Arzt-Patienten-Kommunikation ist transparent dokumentiert.

Meinertz ist zuversichtlich, dass Deutschland der Schritt zur flächendeckenden digitalen Gesundheitsversorgung gelingen wird: „Wir rechnen damit, dass bis 2020 telemedizinische Leistungen für Patienten als Kassenleistung kostenfrei angeboten werden. Das ist der nächste logische Schritt - auch wenn der Weg vom Papierrezept bis zum vernetzten Gesundheitssystem noch weit ist."

 

Zur Frage der Fernbehandlung haben die Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam am 6. Februar ein Positionspapier veröffentlicht (Auszug):

„Bundesweit drängen inzwischen Unternehmen und Start-ups unterschiedlicher Größe auf den Markt, um im Gesundheitswesen neue, in der Regel online-basierte Dienstleistungen, die sich direkt an die Patienten richten, anzubieten. Sie wittern lukrative Geschäftsmodelle, um den Patienten, die als Kunden gesehen werden, Versorgungsleistungen anzubieten. Die Unternehmen argumentieren damit, aus deren Sicht bestehende Lücken in der ambulanten Versorgung zu schließen und Wartezeiten auf einen Besuch beim Facharzt oder Psychotherapeut zu überbrücken. Dabei geht es aus unserer Sicht um einen elementaren Eingriff in das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Arzt und Patient.

Bislang war das Fernbehandlungsverbot in Deutschland in den Berufsordnungen der einzelnen Landesärztekammern klar geregelt und basierte auf dem Primat des

persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes. Geändert hat sich dies allerdings erheblich seit der Lockerung des Fernbehandlungsverbotes durch den Deutschen Ärztetag im Mai 2018. Die einzelnen Landesärztekammern ziehen nun sukzessive nach, indem sie die Berufsordnungen entsprechend anpassen. Anbieter von Health-Apps und Videosprechstunden nehmen diese Entwicklung nicht nur freudig zur Kenntnis, sondern bauen ihre Angebote an den Praxen der niedergelassenen Ärzte vorbei stark aus. Die föderale Zuständigkeit in diesem Bereich sorgt dafür, dass sich in den einzelnen Bundesländern die unterschiedlichsten Vorhaben herausbilden.

Wir sehen den Bereich der Fernbehandlung als elementaren Teil des Sicherstellungsauftrages der KVen. Einzelne KVen sind bereits in den Markt eingestiegen, andere warten noch ab. Angebote zur Fernbehandlung machen allerdings nicht an den Landesgrenzen der jeweiligen KV halt, wie die bundesweit angebotenen Projekte zur Krankschreibung per WhatsApp oder zur Online-Psychotherapie zeigen. Um Fehlentwicklungen zu vermeiden, muss die aktuelle Ausgestaltung des Fernbehandlungsverbots noch einmal in Bezug auf die besondere Bedeutung des persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes kritisch diskutiert werden. Dabei müssen auch klare Einschränkungen und Begrenzungen definiert werden, um nicht ausschließlich Konzerninteressen in den Mittelpunkt zu stellen. Von Seiten der KVen aus werden wir funktionierende digitale Angebote machen, die an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet sind. Die Menschen kennen vergleichbare digitale Angebote bereits aus anderen Bereichen, wie dem Online-Banking oder der Mediennutzung, und fragen solche Angebote nun auch in Bezug auf ihre medizinische Versorgung nach. Dabei ist ihnen oft gar nicht bewusst, welche datenschutzrechtlich fragwürdigen Regelungen hinter einigen Angeboten stehen. Als Körperschaften öffentlichen Rechts werden wir eigene, höchsten Ansprüchen des Datenschutzes und der Datensicherheit genügende sowie den Schutz eines vertrauensvollen Arzt-Patientenverhältnisses fördernde Angebote aufbauen. Diese werden wir über unsere Mitglieder, die niedergelassenen Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten, den Patienten vorstellen. Basis dafür ist eine KV-übergreifende Zusammenarbeit, die es dem KV-System ermöglicht, den privatwirtschaftlich organisierten und rein an Kapitalinteressen orientierten Unternehmen mit eigenen Angeboten und Lösungen entgegen zu treten.“

 

Quellen:  ES, sgp, KBV


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