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01.10.2019

Künstliche Intelligenz im medizinischen Praxis-Check

Auf dem Demografiekongress 2019 in Berlin standen Künstliche Intelligenz und Robotik im Mittelpunkt. Deren Grenzen zeigen sich immer dann, wenn – nicht selten - die reale Welt unendlich viel komplexer ist als ihr digitales Abbild. Und ihre fehlende Ethik muss der Mensch vorher eingeben.


Ethik, die Frage nach den Handlungsnormen, wenn Handlungsentscheidungen getroffen werden müssen. In der Medizin steht die Ethik vor gänzlich neuen Herausforderungen. Die grundlegenden Werte der Medizinethik – das Wohlergehen des Menschen, das Verbot zu schaden und das Recht auf Selbstbestimmung – sind weiterhin essentiell wichtig. Der medizinische Fortschritt stellt Institutionen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, auch vor neue Herausforderungen. War die Medizin bisher vorrangig reagierend – Patient erkrankt, Heilung/Linderung wird angestrebt – wird sie zunehmend proaktiver und präventiver. Zentrale Themen sind hierbei die Reproduktionsmedizin, Gentherapien (vor allem mit der Genschere CRISPR), Künstliche Intelligenz und Robotik.

 

Auch heute schon sind wir von Algorithmen und komplexen Rechenprozessen umgeben. Das Navigationsgerät im Auto, die Sprachsteuerung im Handy oder Fernseher und passgenaue Werbeanzeigen für Internetnutzer. Software und Datenbanken sind überall im Einsatz. „In Zukunft wird alles Künstliche Intelligenz verwenden“, meint Dr. Norbert Reithinger, Leitender Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Bereits im Jahr 1988 wurde das Zentrum, das in diverse nationale und internationale Projekte eingebunden ist, gegründet. „Wir fördern die Künstliche Intelligenz schon lange. In der Grundlagenforschung gehören wir zu den Spitzenreitern“, so Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung und Bildung. Es müsse aber auch darum gehen, die Erkenntnisse aus der Forschung viel früher in die Städte und in die Regionen zu tragen. Künstliche Intelligenz werde ein Treiber von Veränderungen sein, so Rachel weiter. „Mit Hilfe von KI und Robotik können ältere Menschen so unterstützt werden, dass sie länger in ihrem häuslichen Umfeld bleiben können. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird auf rund 4,5 Millionen im Jahr 2050 steigen.“ Im Dezember 2018 bezogen noch 3,41 Millionen Menschen Leistungen der Pflegeversicherung. Dass zeitnah ein halbwegs intelligenter Haushaltsroboter alten Menschen beim Einräumen des Geschirrspülers hilft, ihnen die Schuhe bindet oder sie aus dem Sessel hebt und zum Bett begleitet, ist noch unwahrscheinlich. An den Rechenprozessen scheitert dies nicht. Eine große Herausforderung sei es, die digitalen Leistungen in die physikalische Praxis zu übertragen, so Prof. Dr. Sami Haddadin, Lehrstuhl für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München und einer der führenden deutschen Robotik-Experten. „Die reale Welt ist unendlich viel komplizierter als die digitale. Roboter ersetzen aber niemanden; sie sind ein Werkzeug“, so der Sohn eines jordanischen Arztes weiter. „Wir müssen unsere ethischen und moralischen Grundsätze ins Zentrum stellen, aber auch verstehen, dass Technologie eine Lösung ist. Vielleicht wird es möglich sein, ethische und moralische Vorstellungen in Algorithmen abzubilden. Eine Technologie wird aber nie ethisch sein, aber wir können dafür sorgen, dass Technologie ethisch und nach unseren Vorstellungen eingesetzt wird“, so Haddadin.

 

Der internationale Konkurrenzdruck im Bereich KI und Robotik ist groß – und Deutschland ein vergleichsweise kleiner Player. Bis allerspätestens 2030 will China endgültig zur High-Tech-Nation aufsteigen und die USA als führende KI-Nation ablösen. Während die Bundesregierung im Rahmen ihrer „Nationalen Strategie für Künstliche Intelligenz“ bis 2025 drei Milliarden Euro investiert, stellt allein die chinesische Hafenstadt Tianjin – 14 Millionen Einwohner – in einem Fonds für die KI-Industrie 16 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. „Der Wohlstand in China ist ein ganz anderer als hier. Dort kommt man aus einer hungrigen Phase und setzt Prioritäten anders. China hat, trotz berechtigter Big Brother-Diskussion, einen gewaltigen Vorteil durch die Verfügbarkeit von Daten“, so Haddadin weiter. Neben dem Mehr an Daten gibt es durch die gewaltigen Populationsunterschiede auch Vorteile bei der Anzahl der Arbeitskräfte in den Bereichen Programmierung, Data Science und Ingenieurswesen. Dass Deutschland durch die ausführlichen Ethikdebatten einen Nachteil hat, glaubt Prof. Dr. Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München, nicht. „‘Ethic made in Germany‘ muss nicht etwas Negatives sein. Es kann etwas Positives in der Vermarktung sein, weil es Vertrauen schafft. Ich bin keine Unternehmerin, aber ich erwarte, dass wir damit einen Vorteil haben“, so die Humanmedizinerin und Soziologin. Kommt also ein Ethik-Produktsiegel? Abwarten!

 

Quelle:  sgp<xml></xml>


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