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03.07.2019

Digitalisierung: Das Warten auf die Revolution

Gesundheitsminister Jens Spahn brachte zum diesjährigen Hauptstadtkongress jede Menge Diskussionsstoff mit. Im Mittelpunkt stand sein Digitales Versorgungs-Gesetz (DVG).


In Sachen Digitalisierung im Gesundheitswesen liegt Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern immer noch zurück. Dabei ist Gesundheitsminister Jens Spahn sehr bemüht, den Prozess wo er nur kann zu beschleunigen. Dafür erntet er Kritik und Anerkennung gleichermaßen. Bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses jedoch konnte sich der Minister über Lobeshymnen freuen. Ein „hochaktiver Politiker“ sei er, meint Prof. Roland Eils vom Berliner Institut für Gesundheitsversorgung. Dennoch könne auch Spahn keine Wunder bewirken; von einer digitalen Revolution würde Eils daher nicht sprechen.

 

Auch der Minister selbst spricht lieber von einer Evolution. Ein Schritt müsse dem anderen folgen, um ans Ziel zu kommen. Dass seine Widersacher immer wieder sein Vorgehen kritisieren, blendet Spahn aus. Irgendwo müsse man ja anfangen, hält er entgegen. Mit Nachdruck betont er hingegen, dass er Gesundheit und Pflege besser machen wird und mit seiner Politik, Vertrauen erhalten und an den Stellen zurückzugewinnen will, wo es verloren gegangen ist. Dazu will er auch weiterhin die konstruktiv-kontroverse Debatte suchen. „Wichtig ist mir, dass die Debatten am Ende zu einem Ergebnis führen“, so Spahn, der dabei auf die Widerspruchslösung zur Organspende oder die Masernimpfpflicht blickt, die er im Sinn hat.

 

Spahn wehrte sich zudem gegen den Vorwurf, die Selbstverwaltung zu entmachten. Er gebe ihr, ganz im Gegenteil, mit jedem neuen Gesetz neue Aufgaben. In der Digitalisierung sei gerade das höchste Tempo geboten, meint Spahn. Die elektronische Patientenakte müsse bis zum Jahr 2021 stehen. „Ich möchte einfach nicht warten, bis das alles irgendwie kommt – aus den USA oder, noch viel problematischer, aus China“, sagte Spahn mit Verweis auf Google & Co sowie auf deren Datenschutz, der nicht viel mit dem in Deutschland gemeinsam hat. Jeder Patient entscheide selbst, welcher Arzt seine Daten einsehen könne und welche Daten er freigebe. „Die Hoheit liegt beim Patienten“, betonte der Bundesgesundheitsminister. Allerdings musste er einräumen, dass die Datenfreigabe zunächst noch nicht arztspezifisch vorgenommen werden kann.

 

Das erforderliche Tempo der Digitalisierung wird am Beispiel des Leitfadens Prävention deutlich. Wie in allen anderen Bereichen des Gesundheitswesens, wird auch bei der Prävention von Krankheiten über digitale Möglichkeiten und Lösungen diskutiert. „Digitalisierung in der Prävention muss niedrigschwellig und jederzeit abrufbar sein“, meinte Frank Michalak, Vorstand der AOK Nordost, auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress. Prävention sei vor einigen Jahren mit Einladungen zu Raucherentwöhnungskursen per Brief begonnen worden. Durch die Einführung von Live-Online-Seminaren und diversen Apps sei das Gesundheitswesen inzwischen ein ganzes Stück weiter, so Michalak weiter. Er finde es deshalb bemerkenswert, dass der Leitfaden Prävention – die aktuelle Fassung ist aus dem Oktober 2018 – zwar relativ neu sei, und dennoch „nach der Umsetzung der aktuellen Gesetze wohl veraltet sein wird“. Der Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes ist in §20 und §20a SGB V verankert und umfasst die Themen Ernährung, Suchtmittelkonsum, Bewegung, Stressmanagement. Eine zeitnahe Modernisierung sei aus Sicht des Kassenvertreters notwendig. Die Kassen seien, so ist Michalak überzeugt, in der Verantwortung, die digitale Gesundheitskompetenz über Kurse und Schulungsangebote zu fördern: „Das Gesundheitssystem hat Prävention in der Pflege derzeit nicht so sehr im Fokus, aber das wird ein ganz entscheidendes Thema sein, bei dem wir mit den entsprechenden Angeboten auf dem Markt sein müssen, um eine Unterstützung bieten zu können.“

 

Weil schon zeitnah mit vielen Angeboten in diversen Gesundheitsbereichen durch amerikanische Tech-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google gerechnet wird, sieht das Bundesministerium für Gesundheit eine große Notwendigkeit zu mehr Zusammenarbeit. „Wir, also alle Player des Gesundheitswesens, müssen trotz Wettbewerbs mehr Allianzen schließen“, äußerte Christian Klose, ständiger Vertreter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und früherer Digital-Experte der AOK Nordost. „Digitalisierung gelingt nur gemeinsam. Wir dürfen nicht in den Wettbewerb um die beste Infrastruktur eintreten, sondern müssen in einen Wettbewerb um die besten Versorgungsangebote eintreten.“ Das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) habe nicht den Anspruch, dass in ihm alles zur Digitalisierung geregelt werde, betonte Klose. „Deshalb haben wir es auch nicht Digitalisierungsgesetz genannt.“ Im BMG seien die Herausforderungen bei der Digitalisierung bekannt. „Bevor wir etwas tun, müssen wir es verstehen. Digitalisierung ohne Mehrwerte ist Quatsch.“ Beim Gesundheitsportal sollen deshalb neben der Evidenz auch User-Experience und Usability im Vordergrund stehen. Digitalisierung kenne zudem keine Sektorengrenzen. „Wir müssen die Geschwindigkeit des Marktes auch in die Regulatorik bringen“, so Klose.

 

 

Es gebe mehr und mehr Publikationen zu digitalen Anwendungen, so Christian Lautner, Co-Founder und CEO, CFO von Flying Health Incubator. Studien würden dauern. Auch Innovationsfondsprojekte seien auf mehrere Jahre angelegt. Eine App zur Identifikation von Herzrhythmusstörungen sei inzwischen beim Thema Evidenz „stark aufgestellt“. Auch Usability müsse als ein Teil der Evidenz mehr Beachtung finden. „Wie oft und zuverlässig nutzt der Patient das Angebot und wie wirkt sich das auf das Outcome aus?“, so Lautner.

 

Ernüchtert zeigten sich Wissenschaftler über die Vorteile und den Nutzen von Wearables.

Ob Wearables einen positiven Effekt auf die Gesundheit bzw. das Gesundheitsverhalten haben, ist immer noch umstritten. „Erste Daten sind ernüchternd und zeigen keine signifikanten Vorteile gegenüber klassischen Gesundheitsinterventionen“, so Prof. Dr. Bernd Wolfarth, Inhaber des Lehrstuhls für Sportmedizin der Humboldt Universität zu Berlin, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DSGP). „Ein Selbstläufer ist das nicht. Wir müssen verstehen, was es zusätzlich braucht, damit die neuen Techniken wirklich erfolgreich sind.“ Oft sei das Selbstempfinden zur eigenen Bewegung falsch, so Wolfarth weiter. Jemand, der nie gelernt habe körperlich aktiv zu sein, sei schwer zu animieren. Dabei könnten schon 15 Minuten Bewegung pro Tag das Mortalitätsrisiko um 14 Prozent reduzieren. Das habe eine asiatische Studie mit fast 420.000 Teilnehmern gezeigt. Außerdem müsste Evidenz schneller geschaffen werden. „Das Outcome von aktuellen Studien liegt jeweils circa drei Jahre hinter der aktuellen technischen Entwicklung.“

 

Quelle: sgp


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