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18.12.2018

DAK-Pflegereport: Pflegeversicherung ist gescheitert

Im DAK-Pflegereport 2018, der am 14. November in Berlin vorgestellt wurde, belegt der Wissenschaftler Thomas Klie unhaltbare Unterschiede in der pflegerischen Versorgung zwischen den Ländern. DAK-Chef Andreas Storm fordert eine Neuaufstellung der Pflegeversicherung und einen Steuerzuschuss von 700 Mio. Euro mit jährlicher Erhöhung um den gleichen Betrag.


Der DAK-Pflegereport 2018 zeigt gravierende Unterschiede in der pflegerischen Versorgung zwischen den Ländern und sogar zwischen Nachbargemeinden. „Das Versprechen, beim Eintritt von Pflegebedürftigkeit den Menschen mit seinen Angehörigen bedarfsgerecht zu unterstützen, hat der Staat nicht eingehalten", kritisierte Studienleiter Prof. Dr. Thomas Klie. Er konnte nachweisen, dass die bestmögliche Versorgung Pflegebedürftiger oft von den Strukturen am Wohnort abhängt. Zudem hat er den DAK-Versichertendaten entnommen, dass Versicherte in den östlichen Bundesländern und Orten mit mangelhafter Pflegeinfrastruktur eine um bis zu 10 Jahre kürzere Lebenserwartung haben als Versicherte in den westlichen Bundesländern.

Bedenkliche Zahlen auch in den Ergebnissen einer Allensbach-Umfrage zum DAK-Pflegereport:

-  Die hohen Kosten, die Pflegebedürftige und deren Angehörige für die Pflege aufbringen müssen, sehen die Deutschen kritisch.

-  Neun von zehn Befragten sagen, dass Pflegeheime teuer sind.

-  Sieben von zehn sind der Meinung, dass sich viele Familien Pflegedienste und Heime für ihre Angehörigen nicht leisten können - und Frauen dann aus dem Beruf aussteigen, um selbst die Pflege zu übernehmen.

-  Fast zwei Drittel denken, dass viele Pflegeheim-Bewohner wegen der hohen Kosten zum Sozialfall werden.

-  Wer Pflege bereits in seinem Umfeld erlebt hat, stimmt diesen Aussagen noch etwas häufiger zu.

 

Mit einer Reform der Pflegefinanzierung soll u.a. der Anstieg der Eigenanteile für Pflegeleistungen gedeckelt werden. Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, kritisiert in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Eigenanteile, die Menschen für die Pflege stemmen müssen. „Pflegebedürftige zahlen in manchen Bundesländern doppelt so viel dazu wie in anderen Regionen“, sagt Storm. „Immer mehr pflegebedürftige Menschen sind mittlerweile auf ergänzende Fürsorgeleistungen angewiesen. Das widerspricht fundamental dem Anspruch der Pflegeversicherung. Dadurch verliert eine Sozialversicherung ihre Legitimation.“

Der Kassen-Chef fordert deshalb eine grundlegende Reform der Pflegefinanzierung. „Die Eigenanteile für Pflegeleistungen sollten gedeckelt werden. Es gäbe dann einen einheitlichen Betrag, den die Pflegebedürftigen oder die Angehörigen zahlen, gestaffelt nach Pflegegraden. Alles, was darüber hinausgeht, trägt die Pflegeversicherung“, sagt Storm. Bislang ist es umgekehrt: Die Pflegeversicherung übernimmt einen festen Betrag. Alle weiteren Kosten tragen die Betroffenen und ihre Familien. Auf die Pflegeversicherung käme damit eine finanzielle Mehrbelastung zu. Zur Finanzierung schlägt Storm einen Bundeszuschuss aus Steuermitteln vor: „Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine Mitfinanzierung aus Steuermitteln ist daher sinnvoll.“ Zum Start hält er rund 700 Mio. Euro für angemessen, jährlich um diese Summe erhöht, stehen nach fünf Jahren rund 5 Mrd. Euro zur Verfügung, wovon zwei Drittel in die Pflegeversicherung und ein Drittel in die Pflegeinfrastruktur fließen könnten.

 

84 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Politik nicht genug für die Pflege tut. Nur sieben Prozent sagen, dass das Thema den Stellenwert hat, den es verdient. „Obwohl in der jüngsten Zeit intensiv diskutiert wurde, wie die Zustände in der Pflege verbessert werden können, kommt dies offensichtlich bei den Menschen nicht an. Das ist eine erschreckende Erkenntnis“, sagt Storm. Pflegebedürftigkeit wird von den meisten immer noch als privates Schicksal erlebt und bewältigt.

 

Ein weiteres Ergebnis des DAK-Pflegereports: Die Qualität pflegerischer Versorgung ist regional unterschiedlich. Zum Beispiel werden vielerorts Pflegebedürftige überdurchschnittlich oft im Krankenhaus behandelt – ein Hinweis darauf, dass die Versorgung nicht optimal ist. Dies zeigt sich vor allem in den östlichen Bundesländern. In Thüringen kommen auf 100 Pflegebedürftige fast 150 Krankenhausfälle. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 146, in Sachsen-Anhalt 142 und in Brandenburg 143 Fälle. Unterdurchschnittliche Werte gibt es hingegen in Baden-Württemberg, hier kommen auf 100 Pflegebedürftige 115 Krankenhausbehandlungen. Ebenfalls unter dem Schnitt liegt Niedersachsen mit 119. Eine überflüssige Verschwendung von finanziellen Ressourcen, wenn nicht zuvor in die Pflegestruktur investiert worden ist.

„Die Ergebnisse des DAK-Pflegereports zeigen: Pflegerische Versorgung ist nicht davon abhängig, welche Form für den Einzelnen am besten wäre. Sie ist abhängig vom regionalen Angebot“, sagt Thomas Klie, der den DAK-Pflegereport wissenschaftlich verantwortet. „Das widerspricht dem Gebot in Artikel 72 des Grundgesetzes: Demnach ist die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ein Ziel der Bundesregierung.“

 

DAK-Chef Storm sieht hier die Bundespolitik in der Pflicht: „Vor wenigen Wochen hat die Kommission ‚Gleichwertige Lebensverhältnisse‘ unter dem Vorsitz des Bundesinnenministers ihre Arbeit aufgenommen. Die Kommission sollte das Thema Pflege als Schwerpunkt auf die Agenda setzen. Wir brauchen eine Pflegeinfrastrukturgarantie.“

Um die Situation zu verbessern, schlägt Thomas Klie ein regionales Monitoring der Pflegestrukturen vor. „Es gibt zahlreiche Beispiele, wo die Strukturen ineinander greifen und gute Bedingungen für die Bewältigung von Pflege gewährleistet werden – soweit dies von der derzeitigen Pflegeversicherung finanziert wird. Vielerorts gibt es Fehler im System. Von beidem können wir lernen“, sagt er.

Die DAK-Gesundheit hat bereits ihr Konzept der regionalen Pflegekompetenzzentren vorgelegt. Ein solches Zentrum koordiniert alle Akteure der Pflege wie Beratungsstellen, Pflegedienste, stationäre Einrichtungen und Ärzte. Ziel ist es, im Sinne des Case Managements die beste Versorgung für jeden einzelnen Pflegebedürftigen zu schaffen.

 

Pflegekompetenzzentren können z.B. in Krankenhäusern umgesetzt werden, die von Schließung bedroht sind. Ein erster Pilot startet jetzt in Nordhorn im südwestlichen Niedersachsen, wo ein Krankenhaus vor kurzem in ein Pflegeheim umgewandelt worden ist. Das Pilotprojekt wird mit zehn Millionen Euro vom Innovationsfonds gefördert. „Dort haben wir ideale Bedingungen, um das erste Pflegekompetenzzentrum umzusetzen und die Bedingungen für Pflegebedürftige und deren Angehörige in der Region zu verbessern“, sagt Storm. „Ich hoffe, dass wir das Konzept auch in anderen Regionen realisieren können.“

 

Quelle: sgp


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