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06.05.2019

AWMF über Medizin und Ökonomie

Medizin und Ökonomie schließen sich nicht unbedingt aus. Auch die Medizin muss mit den begrenzten finanziellen Ressourcen auskommen. Doch Zustände wie Leistungsausweitungen besonders attraktiver Eingriffe im Krankenhaus, schaden dem gesamten System. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat sich dem Thema angenommen und am 11. April ein Papier „Medizin und Ökonomie – Maßnahmen für eine wissenschaftlich begründete, patientenzentrierte und ressourcenbewusste Versorgung“ veröffentlicht.


Quelle: Pixabay: Silas Camargo Silão

Wenn betriebswirtschaftliche Anforderungen zum Primat der Entscheidungen für die medizinische Versorgung in Kliniken werden und dadurch die wissenschaftlich begründete, patientenzentrierte Medizin in den Hintergrund tritt, ist das Patientenwohl gefährdet. Um dem entgegenzutreten fordert die AWMF

- die Implementierung der partizipativen Entscheidungsfindung;

- die Teilung von Führungsverantwortung im Krankenhaus zwischen ärztlicher Direktion, Pflegedirektion und kaufmännischer Leitung mit Verhandlungen auf Augenhöhe;

- eine bedarfsorientierte Planung und Finanzierung von Krankenhäusern mit Vergütung stationärer Leistungen im Rahmen regionaler, sektorenübergreifender Versorgungskonzepte.

 

„Ökonomische Interessen dürfen die medizinische Entscheidung nicht beeinflussen“, so Professor Dr. Rolf Kreienberg, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), heute in Berlin. „Wir dürfen nicht nur Leitlinien machen. Diese müssen auch bei dem Patienten ankommen.“ Im DRG-System seien viele Fehlanreize. „Da sind Anreize für Leistungen, die nicht unbedingt nötig sind. Und für die sprechende Medizin wird zu wenig Geld aufgebracht.“ Die Verwaltung einer Klinik sage dann natürlich, dass sich die sprechende Medizin nicht zur Finanzierung rechne. „Wir können nicht teure Herzkatheter sehr gut finanzieren und den Patienten aber nicht darüber aufklären“, so Kreienberg. Die AWMF schreibt in ihrem Papier, dass die Fehlanreize im DRG-System, die u.a. zu unangemessenen Leistungsausweitungen und „Portfolioanpassungen“ führen, dringend eliminiert oder zumindest reduziert werden müssen. Die Vergütung solle sich dabei an einem Modell patientenzentrierter Medizin orientieren. Die Erlöse aus den Fallpauschalen sollen für die Zwecke zur Verfügung stehen, für die sie vorgesehen sind - zur Deckung der laufenden Personal- und Sachkosten und nicht für Investitionen oder abgeschöpften Gewinn. Eine Möglichkeit der Krankenhausfinanzierung könnten Pay-for-Performance-Modelle sein. „Das muss kommen“, so Kreienberg. Die Effekte der einzelnen Stufen in der Versorgung müssten berücksichtigt werden. Einzelne Aspekte einer Behandlung (z.B. die OP, die Krankengymnastik,…) müssten in einem Pay-for-Performance-Konzept in einzelnen Blöcken betrachtet und bewertet werden, so Kreienberg auf sgp INSIDER-Nachfrage.

 

Eine nicht unwesentliche Teilschuld an der Ökonomisierung tragen die Bundesländer. Durch unterlassene Investitionen in Krankenhäuser würden Schwestern- und Ärztestellen eingespart werden. Aus der Krankenversorgung würden Gelder abgezogen, um die Investitionen zu finanzieren. Mit einer an sektorenübergreifenden Versorgungskonzepten orientierten Krankenhausplanung könne der Fachkräftemangel in der Bundesrepublik etwas abgemildert und Überkapazitäten in Krankenhäusern reduziert werden, so Kreienberg. Dabei müsse geprüft werden, ob nur die notwendigen Leistungen durchgeführt werden oder mehr Leistungen als medizinisches sinnvoll. Kreienberg fordert auch eine Unterstützung der Bildung von Zentren. „Bei dem Produkt medizinische Leistung ist der Arzt nur ein Teil. Dazu kommen zum Beispiel die Krankenpflege und Physiotherapie“, so Dr. Manfred Gogol, Schatzmeister und Präsidiumsmitglied der AWMF. In diesen Feldern müsse die Attraktivität gesteigert werden.

 

„Patienten sind heute nicht mehr passive Empfänger von Gesundheitsleistungen, sondern wollen vielfach selbst aktiv über die für sie richtige Therapie mitentscheiden“, sagt Dr. Monika Nothacker, stellvertretende Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement (AWMF-IMWi). Zu einer patientenzentrierten Versorgung gehören auch der Einbezug der Angehörigen und verständliche Patienteninformationen auch auf der Basis von Leitlinien. Leitlinien seien mehr als Empfehlungskorridor denn als Richtlinie gedacht, so Nothacker. Auch nach den Leitlinien müssten unter Einbeziehung des Patienten Entweder-Oder-Fragen entschieden werden. Zudem sollten in die Leitlinien Aspekte der Weiterversorgung aufgenommen werden. Seit 2015 sehen die Leitlinien in der Intensivmedizin vor, dass Patienten so rasch wie möglich von der Beatmung entwöhnt und mobilisiert werden sollen. Das rechne sich eigentlich betriebswirtschaftlich nicht, weil die Beatmung deutlich besser bezahlt werde, so Nothacker. Die Frühmobilisation ist laut SGB V eine verpflichtende Tätigkeit im Krankenhaus. „Die Profession wurde im Krankenhaus aber abgebaut. Inzwischen haben wir die Leute dafür nicht mehr“, meint auch Gogol. Wir haben eine enorme Ausfallquote im Krankenpflegedienst ab dem 55. Lebensjahr. Ursula Helms, Geschäftsführerin der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), ergänzte dazu: „Die kluge Entscheidung ist nicht immer die Operation. Bei Rückenproblemen kann auch mehr Bewegung die bessere Entscheidung sein. Der Mensch darf nicht das Knie oder die Niere sein. Davon müssen wir wegkommen. Der Patient muss wieder der Mensch sein.“

Mit einer gemeinsamen Krankenhausführung, in der die ärztliche, pflegerische und kaufmännische Direktion auf Augenhöhe gemeinsam Entscheidungen treffen, sei es möglich, eine gleichzeitig effiziente wie wissenschaftlich fundierte, in Bezug auf den Zugang zur Versorgung gerechte und auch patientenzentrierte Versorgung zu implementieren. „Was uns an Inhalten in der Krankenhausführung fehlt ist: Wie liefern wir gute Medizin ab? Da müssen wir den Kurs ändern. Was ist unser Versorgungsauftrag? Was ist eine gute medizinische Leistung?“, so Gogol. „Zu einem solchen Krankenhausmanagement gehört auch eine Kultur, die von Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern geprägt ist und die deren Arbeitsbedingungen im Blick hat“, meint Gogol weiter.

 

Die AWMF schlägt abschließend vor, ein gemeinsames Diskussionsforum mit Vertretern der Bundes- und Landespolitik, der ärztlichen Selbstverwaltung und Patientenorganisationen zum Sicherstellungsauftrag und dessen patientenorientierten Umsetzung in den einzelnen Bundesländern einzurichten.

 

Quelle:  sgp-gg


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