News
und
Wissenswertes

25.08.2020

Arzneimittel-Innovationen knacken Millionen-Euro-Grenze

Vor Kurzem hat das WIdO den Bericht über die Entwicklung des GKV-Arzneimittelmarkts 2019 präsentiert. Die Kernbotschaften des Berichts: 2019 haben die gesetzlichen Krankenkassen für die Arzneimittelversorgung ihrer Versicherten 43,9 Mrd. Euro ausgegeben. Das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Fast die Hälfte dieser Kosten (21 Mrd. Euro und damit 47,8 Prozent des Umsatzes im gesamten GKV-Arzneimittelmarkt) entfiel auf patentgeschützte Arzneimittel. Das ist ein neues Allzeithoch. Dabei deckten die patentgeschützten Medikamente mit 188,5 Mio. Tagesdosen 6,5 Prozent der Versorgung ab.


Das WIdO beklagt die Entwicklung hin zu immer teureren Patentarzneimitteln, mit denen immer weniger Patienten versorgt würden, und prangert die konstant hohen und noch steigenden Gewinnmargen der international agierenden Pharmafirmen an. Die Gewinnmargen der umsatzstärksten Unternehmen hätten 2019 global im Mittel 24,7 Prozent erreicht und damit im Ranking der gewinnstärksten Branchen den Spitzenplatz eingenommen. „Die hohen Preise für patentgeschützte Arzneimittel ermöglichen der Pharmaindustrie hohe Gewinne auf Kosten der Beitragszahlenden. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird die Entwicklung der Preise für die Finanzen der gesetzlichen Krankenkassen in Zukunft noch bedrohlicher“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO.

 

Dabei übergeht Schröder allerdings den Umstand, dass der GKV-SV bei der Preisbildung der patentgeschützten Produkte ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat. Schließlich vereinbart er die Erstattungsbeträge auf der Grundlage der frühen Nutzenbewertung durch den GBA mit dem Hersteller oder setzt sie einseitig fest. Also: Hohe Kosten für unter Patentschutz stehende Arzneimittel hat auch der GKV-SV zu verantworten, sobald er einen Erstattungsbetrag vereinbart oder festgesetzt hat. Hinzu kommt, dass hohe Preise für patentgeschützte Arzneimittel auch dem medizinisch-pharmakologischen Fortschritt (Stichwort: Kombinationstherapien in der Präzisionsmedizin) geschuldet sind. Präzisionsmedizin verfolgt das Ziel, jeden Patienten mit der für ihn am besten wirksamen, zielgerichteten und maßgeschneiderten Therapie zu behandeln. Das setzt voraus, dass die Therapie auch auf seinen biologischen, histologischen und genetischen Merkmalen aufbaut. Präzisionsmedizin macht Erkrankungen auch in puncto Pharmakotherapie individuell behandelbar und erhöht damit die Therapieerfolge. Die Individualisierung der Therapie hat aber zwangsläufig ihren Preis. Eine Krankheit nach Schema F zu behandeln ist nun einmal preisgünstiger als eine auf das konkrete Individuum zugeschnittene Therapie.

 

Im Jahr 2019 gab die GKV 249,3 Mrd. Euro aus. Das entspricht einer Steigerungsrate von 5,6 Prozent gegenüber 2018. Der Anteil der Arzneimittelausgaben belief sich auf 16,1 Prozent. Er ist damit seit einigen Jahren nahezu konstant. Nach den Ausgaben für die Krankenhausbehandlung und die ambulante ärztliche Versorgung rangieren die Arzneimittelausgaben nach wie vor auf Platz 3 der Ausgabenblöcke. Der Zuwachs ist dem Bericht zufolge wie bereits in den Vorjahren vor allem dem Trend zu hochpreisigen Arzneimitteln geschuldet. Demgegenüber hat die Anzahl der Verordnungen nur marginal, um 1,1 Prozent zugenommen, ihr Einfluss auf die Ausgabenentwicklung war demgemäß gering. Die Durchschnittskosten einer Verordnung betrugen 63,55 Euro. Das entspricht gegenüber 2018 einem Plus von 4,9 Prozent.

 

Die Nettokosten einer durchschnittlichen Generikaverordnung schlugen mit 33,92 Euro zu Buche. Für patentgeschützte Arzneimittel mussten die Kassen hingegen im Durchschnitt 471,50 Euro netto hinblättern. Deren Versorgungsanteil sei im Zeitverlauf gesunken, während ihr Umsatzanteil gestiegen sei: Vor zehn Jahren habe der Versorgungsanteil der patentgeschützten Arzneimittel auf DDD-Basis noch rund 11,8 Prozent der Tagesdosen ausgemacht, für den die GKV 43,8 Prozent der Nettoausgaben aufgewandt habe. „Im patentgeschützten Markt werden immer höhere Preise für Arzneimittel zur Versorgung von immer weniger Patientinnen und Patienten aufgerufen. Diese Marktentwicklung ist besorgniserregend“, kommentiert Schröder. Insoweit lässt er unerwähnt, dass es sich bei den Hochpreispräparaten vielfach um Orphan Drugs handelt, bei denen hohe F- & E-Kosten für die Versorgung relativ kleiner Patientengruppen entstehen.

 

Die Gewinnmargen von Big Pharma seien außergewöhnlich hoch. Die globalen Top 21-Pharmaunternehmen hätten ihr operatives Ergebnis (EBIT) 2019 im Vergleich zum Vorjahr nochmals gesteigert und EBIT-Margen von durchschnittlich 24,7 Prozent eingefahren. Bereits 2018 sei Branche mit EBIT-Margen von 21 Prozent im Mittel hochrentabel gewesen. Dieser Mittelwert habe laut Ernst & Young selbst die durchschnittlichen EBIT-Margen der Telekommunikations- und der Informationstechnologiebranche weit übertroffen, die jeweils 14 Prozent betragen habe.

 

Die 21 umsatzstärksten Pharmaunternehmen hätten zusammen einen GKV-Nettoumsatz von beinahe 20 Mrd. Euro erzielt (Umsatzanteil: 45,4 Prozent), ihr Versorgungsanteil habe indes lediglich 11,6 Prozent betragen. Die hohen Gewinne seien nicht zuletzt auf die drei umsatzstärksten Arzneimittel des Jahres 2019 zurückzuführen: Der Nettoumsatzanteil der drei Blockbuster Eliquis® (840 Mio. Euro), Xarelto® (761 Mio. Euro) und Humira® (697 Mio. Euro) habe sich auf 5,2 Prozent der GKV-Arzneimittelausgaben belaufen, während ihr Versorgungsanteil nur 1,1 Prozent betragen habe.

 

„Vor fünf Jahren hat die Einführung der „1.000-Dollar-Pille“ Sovaldi® zur Behandlung von Hepatitis C mit einem Packungspreis von knapp 20.000 Euro noch Empörung ausgelöst. Mittlerweile sind sogar sechsstellige Arzneimittelpreise für Neueinführungen an der Tagesordnung“, berichtet Schröder. In diesem Jahr seien erstmals Arzneimittel mit Packungspreisen jenseits der Millionengrenze mit der Folge auf den deutschen Markt gekommen, dass die durchschnittlichen Packungspreise für Neueinführungen im Patentmarkt nochmals deutlich anstiegen. Die Neueinführungen der vergangenen drei Jahre hätten im Mai 2020 im Durchschnitt mehr als 27.000 Euro je Packung gekostet. Die teuersten Arzneimittel seien Zynteglo®, ein Medikament zur Behandlung einer seltenen Form von Blutarmut (Markteinführungspreis: 1,575 Mio. Euro) und das zur Behandlung der Spinalen Muskelatrophie zugelassene Zolgensma®, das mit einem Preis von 1,945 Millionen Euro pro Packung das teuerste Arzneimittel der Welt sei. Beide Präparate sind Orphan Drugs.

 

„Es sind unter anderem diese hohen Preise, die der Pharmaindustrie ihre hohen Gewinne ermöglichen. Bezahlen muss sie die Solidargemeinschaft der gesetzlich Versicherten. Der Gesetzgeber sollte angesichts der aktuellen Preisgestaltung der Pharmaindustrie im Patentsegment darüber nachdenken, wie Arzneimittel auch künftig für alle bezahlbar bleiben können“, legt Schröder nach.

 

Über den angemessenen Preis für ein innovatives Arzneimittel kann man lange gar trefflich streiten. Ein Patentrezept für das schwierige und konfliktgeladene Unterfangen, angemessene Preise für patentgeschützte Arzneimittel zu bestimmen, gibt es nicht. Auf der einen Seite stehen die Interessen der Hersteller, die ihren F- & E-Aufwand refinanzieren und Rücklagen für die Entwicklung weiterer Arzneimittel bilden und dabei auch zu erwartende Flops berücksichtigen wollen, zudem geht es ihnen darum, einen auskömmlichen Gewinn zu erzielen. Dass sie bei der Preisbildung die Einsparungen ins Kalkül ziehen, die nicht nur das Gesundheitssystem durch die Innovation erzielen kann, ist nachvollziehbar (Beispiel: Sovaldi®: Der Hersteller hat seiner Preisbildung die Folgekosten zugrunde gelegt, die entstehen, wenn die Hepatitis C nicht mit dem Medikament geheilt würde). Das bedeutet allerdings nicht, dass forschende Pharmaunternehmen EBIT-Margen erzielen müssen, von denen Unternehmen anderer Branchen nicht einmal träumen können. Denn auf der anderen Seite stehen die Interessen eines Gesundheitssystems, das finanzierbar bleiben und überdies gewährleisten muss, dass seine Versicherten am medizinischen Fortschritt teilhaben. Eine Industrie, die angemessene Gewinne mit schrankenlosem Profit verwechselt, begibt sich auf lange Sicht selbst ins Abseits. Gerade Arzneimittelpreise müssen so verhandelt werden, dass die Individualinteressen der Hersteller und das Kollektivinteresse des Gesundheitssystems austariert werden. Dafür ist der Blick auf und das Verständnis für die Belange der jeweiligen Gegenseite eine conditio sine qua non.

 

Quelle:  sgp


E-Mail Xing Kununu Facebook Youtube LinkedIn Google+