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19.02.2019

Das neue Arztbild der Medizinstudenten

13.915 Medizinstudierende haben an einer Umfrage zur den Erwartungen an das spätere Berufsleben teilgenommen. Viele Ergebnisse zeigen in eine deutliche Richtung.Ärzte wollen künftig Teamplayer sein. So begrüßen 68,2 Prozent der Befragten, dass in den letzten Jahren intensiv über die Übertragung bislang ärztlicher Aufgaben an entsprechend qualifizierte Arztassistenten, Pflegekräfte oder Medizinische Fachangestellte diskutiert wird.


In der letzten Befragung des „Berufsmonitors Medizinstudierende“ im Jahr 2014 waren es noch 50,6 Prozent, die eine solche Entwicklung begrüßen. „Die interprofessionelle Versorgung wird zentraler Bestandteil der Versorgung der Zukunft sein. Wir sehen die dringende Notwendigkeit, diese Diskussionen gemeinsam bereits früh zu beginnen. Daher muss die interprofessionelle Ausbildung bereits integraler Bestandteil des Medizinstudiums sein“, meint Jana Aulenkamp, Präsidentin 2018 der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Arbeitszeiten sollen für die angehenden Ärzte geregelt (82,3 %) und zeitlich flexibel (81,4 %) sein und sie legen Wert auf eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf (94,6 %). „Das sind nachvollziehbare Wünsche, von denen ein Großteil der Befragten allerdings annimmt, dass sie mit einer selbständigen Tätigkeit in der ambulanten Versorgung nicht vereinbar seien. Das ist jedoch falsch!“, ist der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, überzeugt. Er argumentiert, dass es im ambulanten Sektor nicht nur die Einzelpraxis, sondern auch Anstellungen, Job-Sharing oder Gemeinschaftspraxen gebe. Eine Niederlassung mit Einzelpraxis verliert zunehmend an Attraktivität. Die Studenten begründen dies in ihren Antworten mit der Bürokratie in der Praxis (62,3 %), dem hohen finanziellen Risiko (57,4 %) und der Angst vor Regressforderungen (46,7 %).

Für die letzten beiden Ängste gibt Dr. Stephan Hofmeister, KBV-Vize, Entwarnung. Er spricht von „gefühlten Bedrohungen“ und keinen realen. Regressforderungen gebe es fast gar nicht mehr und Banken würden keiner anderen Gruppe lieber Finanzierungen ermöglichen, denn das Ausfallrisiko sei bei Ärzten extrem gering. Wichtig ist der KBV hingegen, dass die inhabergeführte Praxis kein Auslaufmodell werde, denn solange die Politik ein „unbegrenztes Leistungsversprechen mache“, funktioniere das ambulante System nicht ohne selbständige Ärzte in eigener Praxis.

 

Ein interessantes Ergebnis der Auswertung: Die angehenden Ärzte wollen am liebsten in ihrer Heimat arbeiten. Über 86 Prozent der Befragten können sich vorstellen im Heimatbundesland zu arbeiten. Andere Bundesländer ziehen mit noch 61,6 Prozent schon deutlich weniger Menschen in Betracht. Doch dem Landärztemangel wird dies wohl nicht entgegenwirken, denn 42,8 Prozent wollen nicht in Landgemeinden bis 5.000 Einwohnern arbeiten; 33 Prozent sind sogar Landkreise bis 10.000 Einwohnern auch noch zu klein. Deutlich an Attraktivität hat hingegen das Ausland verloren: War dies 2010 für 63,7 Prozent eine Option, sind es inzwischen nur noch 43,6 Prozent.

 

Weitere Ergebnisse der Umfrage der Uni Trier (N = 13.915 Studierende, 14,8% aller Medizinstudenten):

 

-  Medizin wird nicht weiblich, sondern ist inzwischen weiblich. Anteil weiblicher Studenten mittlerweile rund 70 Prozent;

-  Arbeit im ambulanten Sektor ist attraktiv, aber:

-  Präferenz für angestellte Tätigkeiten und Teilzeitarbeitsmodelle insbesondere bei den Frauen

- Niederlassungsbremsen: Bürokratie und Regresse („gefühltes Problem“ – Dr. Hofmeister)

- Weiterbildung in Allgemeinmedizin und hausärztliche Tätigkeit sind attraktiver geworden, die Chirurgie dagegen unattraktiver. Beide Trends gelten auch für Männer.

- Kenntnisse zur Digitalisierung glauben nur wenige Medizinstudenten zu haben (10,8 Prozent)

- Bewertung von „Digitalisierung“: Gut für Diagnose und Therapie, weniger gut für das Arzt-Patienten-Verhältnis.

 

Ein Arzt, eine Praxis – was einmal war, wird nicht mehr sein. Denn: „Über allem steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, so Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Das nannten 95 Prozent der Befragten als entscheidenden Faktor für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes. 50- bis 60-Stundenwochen würden nicht zu den Erwartungen an die Arbeitsbedingungen gehören. In eigener Praxis wären gerne 53,5 Prozent tätig. Der Trend geht allerdings eher zur Gemeinschaftspraxis (50,6 Prozent). Nur 4,7 Prozent würden sich ausschließlich für eine Einzelpraxis entscheiden. 42,6 Prozent können sich immerhin beides vorstellen. Die Politik sei gut beraten, den Nachwuchs nicht mit immer neuen gesetzlichen Vorgaben von einer Niederlassung abzuschrecken, so Gassen. Die inhabergeführte Praxis müsse als attraktives Modell erhalten und gestaltet werden. Sie dürfe kein Auslaufmodell werden, sonst sei die Versorgung schwierig sicherzustellen, so Gassen mit Blick auf die reduzierten Wochenarbeitsstunden der angestellten Ärzte. „Wir haben es mit einer selbstbewussten Generation zu tun, die weiß, was sie möchte und die freie Wahl hat, wo und wie sie arbeiten will“, so der KBV-Chef. „Das finanzielle Risiko bei einer Niederlassung ist ein gefühltes Risiko, aber kein reales“, so Dr. Stephan Hofmeister, stellv. Vorstandsvorsitzender der KBV. Auch Regresse seien keine reale Bedrohung. „Alle, die das fürchten, fahren auch Auto. Das ist eine echte Bedrohung.“ Der ambulante Sektor biete viele verschiedene Beschäftigungsformen. „Keine Art der Berufsausübung ist inhaltlich und gestalterisch freier als die Selbständigkeit“, betonte Hofmeister.

 

Laut Jana Aulenkamp, Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd), sprechen eine hohe Arbeitsbelastung, starker ökonomischer Druck und wenig Freizeit gegen eine langjährige Tätigkeit in der Klinik. Aber auch autoritäre Führungskulturen und starre Hierarchien würden die Kliniktätigkeit für Studierende unattraktiv machen.

 

Die Allgemeinmedizin und damit eine spätere hausärztliche Tätigkeit haben an Attraktivität gewonnen – auch bei Männern. 42,5 Prozent der Befragten können sich eine Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt vorstellen, das sind etwas mehr als 2014 (37,3 %). Funktionäre, Verband und Politik hätten begonnen, positiv über die Allgemeinmedizin zu reden, so Hofmeister. Initiativen wie der Ausbau der ambulanten Weiterbildung, aber auch ein frühzeitiger und besserer Einblick in das Hausarzt-Dasein würden Früchte tragen. Je mehr ein angehender Arzt Kontakt mit der praktischen Tätigkeit habe, desto eher merke er, dass es Spaß mache und dies wecke das Interesse, so Hofmeister. Sie sollen nun als Lehrmodell für den fachärztlichen Bereich dienen, um dort die Aus- und Weiterbildung weiter zu ambulantisieren. Probleme hat zum Beispiel die Chirurgie – diese wird immer unbeliebter.

 

Die Aversion gegen die Arbeit auf dem Land bleibt. 42,8 Prozent wollen nicht in Landgemeinden bis 5.000 Einwohner arbeiten, 33 Prozent sind Landkreise bis 10.000 Einwohner auch noch zu klein. Über 86 Prozent der Befragten können sich vorstellen im Heimatbundesland zu arbeiten. Ein anderes Bundesland ziehen nur noch 61,6 Prozent in Betracht. Das Ausland hat hingegen an Attraktivität stark verloren: War dies 2010 für 63,7 Prozent eine Option, sind es inzwischen nur noch 43,6 Prozent. Auf Nachfrage ob Minister Jens Spahn dann unlängst ein unnötiges Fass aufgemacht habe mit seinen Überlegungen zum Erhalt der Fachkräfte in Deutschland, erklärte der KBV-Vorstand: „Ich habe momentan keine Phantasie, wie man fertige Kollegen daran hindern sollte, dass sie ins Ausland gehen. Vielleicht hat Herr Spahn einfach nur laut gedacht. Man sollte dem nicht zu viel Bedeutung zukommen lassen“, so Gassen. Die Arbeitsbedingungen in Deutschland hätten sich in den letzten acht Jahren verbessert, weshalb das Ausland für die Befragten nicht mehr so attraktiv sei. Die Komponente Heimatnähe könne man nicht im Ausland haben, ergänzte Hofmeister.

 

Prof. Rüdiger Jacob, Universität Trier und für die Auswertung zuständig, sprach von einer „selbstbewussten Generation, die weiß, was sie wert ist“. Als angemessenes Monatsnettoeinkommen sahen die Befragten für einen Landarzt 6371 Euro (2010: 5390€), für einen Stadtarzt 6368 Euro (2010: 5458€) und für einen angestellten Facharzt 4994 Euro (2010:4353 €). Bei den niedergelassenen Ärzten stellten sich die Männer 900 Euro netto im Monat mehr vor als die Frauen.

Aulenkamp betonte darüber hinaus, dass sich Studierende mehr interprofessionelle Kommunikation in der Ausbildung wünschen würden. „Es ist nicht interprofessionell, wenn wir gemeinsam im Hörsaal zusammensitzen und uns dieselben Folien angucken. Wir müssen die Versorgung später auch zusammen machen.“

Daneben fehle in der Ausbildung der Studierenden der Bereich Digitalisierung. Im Bereich Telemedizin glauben weniger als vier Prozent (3,8%), dass sie einen guten Kenntnisstand haben, in der Digitalisierung allgemein sind es 10,8 Prozent, im Informations- und Wissensmanagement 11,5 Prozent. Daran wird auch der Masterplan Medizinstudium 2020 nichts ändern, denn, Stand heute, wird Digitalisierung in diesem nicht ein einziges Mal erwähnt. Die Digitalisierung in dezidierten Curricula abzubilden sei schwierig, weil die Entwicklung so schnell sei, ergänzte Dr. Frank Wissing, Generalsekretär im Präsidium des Medizinischen Fakultätentages. „Wir müssen eine gewisse Flexibilität erhalten, aber Ziele festlegen.“

 

Quellen:  ES, sgp


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