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26.10.2017

TK-Chef wünscht bessere Zusammenarbeit mit Ärzten

Der Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkassen (TK), Dr. Jens Baas, selbst Chirurg, beklagte auf dem zehnten Ärztetreff „Düsseldorf-IN“ das traditionell schlechte Verhandlungsklima zwischen der Ärzteschaft und den Krankenkassen. Er wünschte sich für die Zukunft bessere und konstruktivere Zusammenarbeit, insbesondere in Fragen der Digitalisierung.


Dr. Jens Baas ist Arzt, Chirurg und war auch langjährig Unternehmensberater bei Boston Consulting bevor er in den Vorstand der TK berufen wurde, dessen Vorsitz er am 1. Juli 2012 übernommen hat, womit er heute ein Budget von etwa 30 Milliarden € verwaltet.


Er selbst vermisst ein wenig die ärztliche Tätigkeit, habe aber auch heute ein „facettenreicheres“ Bild von Ärzten gewonnen. Dies sei mitgeprägt durch harte Auseinandersetzungen, in rauem Ton und nicht immer auf besonders hohem Niveau. Ein wenig konstruktives Lagerdenken sei infolge einer historisch gewachsenen Gegnerschaft zu den Krankenkassen entstanden. Baas räumt ein, dass auch die Kassen, insbesondere der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) nicht unerheblich zu diesem Klima beigetragen haben. Krankenkassen sollten die ärztliche Expertise mehr anerkennen und nicht versuchen „bessere Ärzte“ zu sein.


Angesprochen auf das Diagnose-Upgrading, d.h. den Versuch mancher Krankenkassen Ärzte zu beeinflussen, eine „höherwertige“ Diagnose zu kodieren, erläuterte Bass die Bedeutung einer korrekten Kodierung für die Krankenkassen im Rahmen des aktuellen Morbi-RSA. Der Schaden für eine Krankenkasse durch unvollständige oder fehlende Kodierung sei beträchtlich, umso verständlicher die Bemühung, hier für eine richtige Kodierung zu sorgen. Die TK beschränke sich dabei darauf, den Arzt zu kontaktieren, wenn eine offensichtliche Fehlkodierung vorliegt, zum Beispiel bei der Verordnung von Insulin ohne Angabe der Diagnose Diabetes mellitus. Eine solche Korrektur rentiere sich sofort und bei entsprechender Anzahl in erheblichem Umfang. Schließlich dürfe auch eine Krankenkasse nicht „in Schönheit sterben“.


Gefragt nach einer Einschätzung des Stands der Digitalisierung im Gesundheitswesen auf einer Skala von 0-10 wählte Bass die 5. Er räumte allerdings ein, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen der allgemeinen Digitalisierung der Gesellschaft deutlich hinterher hinke. Das aktuelle Produkt einer elektronischen Gesundheitskarte sei gemessen am bisherigen Aufwand in Höhe von 1,7 Milliarden € doch eher kläglich. Insbesondere hier – und damit zurück zum Dialog mit der Ärzteschaft – sei eine konstruktive Zusammenarbeit enorm wichtig um zu verhindern, dass sich datenverarbeitende Fremdorganisationen in der Kommunikationsstrecke zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse einnisten. Baas schaut etwas neidisch auf Estland, womit vergleichsweise geringem Aufwand ein Gesundheits-Kommunikationssystem auf digitaler Basis neu errichtet wurde. Natürlich sei es aber deutlich schwieriger, ein bestehendes funktionierendes System entsprechend umzurüsten, als ein neues System aufzubauen. Die TK beabsichtigt 2018 eine eigene elektronische Gesundheitskarte mit allen ihr vorliegenden patientenbezogenen Daten herauszubringen. Die Hoheit der Verwendung dieser Daten bleibt beim Patienten.


In der Kostenstruktur des Gesundheitswesens sieht Baas ein permanentes Problem, obgleich die Einnahmenseite sich aktuell wegen der guten Konjunktur sehr positiv darstellt. Baas plädiert dafür, die Preisgestaltung für neu eingeführte Arzneimittel auch im ersten Jahr nicht der Pharmaindustrie zu überlassen, da teilweise abenteuerlich hohe Preise aufgerufen würden. Das AMNOG gehe zwar in die richtige Richtung, sei in diesem Punkt aber nicht ausreichend. Ein weiteres teures Problem sei eine im internationalen Vergleich sehr großzügige Indikation für bestimmte Operationen. Dennoch wird er dem Verwaltungsrat der TK voraussichtlich keine Erhöhung des Zusatzbeitrags für 2018 empfehlen.


Im Krankenhausbereich plädiert Baas für die Abschaffung der dualen Finanzierung, da die vorgesehenen Anteile der Bundesländer nicht in ausreichendem Maße erbracht würden. Die Krankenkassen würden die gesamte Finanzierung übernehmen, benötigen dafür aber mehr Einfluss bei der Krankenhausplanung. Anzustreben sei eine Auslastung von 85 %, was einer Verminderung der heutigen Bettenzahl um 25 % entspricht.


Die Bürgerversicherung schließlich sieht Baas wohl eher als totes Pferd, zumindest in der heute diskutierten Form. Gleichwohl sei langfristig eine Zusammenführung von PKV und GKV unvermeidlich, da das Konzept der PKV allein nicht zukunftsfähig sei und die dort eingeschlossenen Kunden bei absehbar weiteren Beitragserhöhungen wohl erheblichen politischen Druck ausüben würden.


Sein wichtigster Wunsch an die Gesundheitspolitik der nächsten Legislaturperiode sei, so Baas abschließend, die elektronische Patientenakte schnellstmöglich umzusetzen.

 

Quelle:  ES


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